Die Geschichte der Tofurei Engel
 
Unabhängig voneinander entwickelten sich die Keimzellen der ersten Tofu-Produktion in der Schweiz:
Juraj Marcinko und Lukas Kelterborn in Zürich, Verena Krieger in Luzern, Gernot Schneider und ich
(Hansruedi Oppliger) waren daran beteiligt.
 
Juraj und Lukas lernten Tofu aus der makrobiotischen Küche kennen. Sie begannen in Zürich mit
dem Aufbau eines Produktionsbetriebes.
Verena hatte Tofu in Japan kennen gelernt. Später führte sie in Chicago ein vegetarisches
Restaurant. Zurück in der Schweiz, wollte sie auf Tofu nicht verzichten und war erstaunt, dass hier
noch kein Tofu erhältlich war.
Gernot hat aus der Literatur von Tofu gehört.
Ich selbst hatte Tofu bei meinem Bruder in den USA kennen gelernt und stellte ihn zu Hause für den
Familiengebrauch her.
 
Gernot schlug mir vor, es doch mit einer Produktion zu wagen. Er kannte Leute, die am Zuger
Handwerkermarkt ihre Biobrote verkauften. Er wollte sie überzeugen, unseren Tofu zu verkaufen.
Bald produzierte ich auch Tofu-Taschen und marinierten Tofu. Dann wurde der Bioladen "de Lade"
in Zug eröffnet, wo Verena das erste Mal von uns hörte. Sie hatte auch schon etwas von Lukas und
Juraj gehört.
Gernot und ich hatten uns überlegt, die Herstellung in grösserem Stil aufzuziehen. Wenn andere
Leute die gleichen Ideen hatten wie wir, so könnte man auch mit ihnen zusammenarbeiten. Wir
vereinbarten ein Treffen mit Juraj und Lukas. Wir konnten uns zusammenraufen und das Firmen-
programm schon am ersten Tag erstellen.
Es war ideologisch total überladen: Tofu aus lokalen biologischen Sojabohnen, natürlich täglich frisch
und handwerklich in einem Kleinbetrieb hergestellt, auf kürzestem Wege zum Kunden, keine Frauen-
diskriminierung und atomstromfrei etc. etc.
Verena hatte einen Artikel über Tofu für das Tagesanzeiger-Magazin geschrieben. Dieser sollte in
vierzehn Tagen erscheinen (22.August 1981) und wir wollten diese Publicity nutzen.
Juraj und vor allem Lukas machten sich daran, Tofu herzustellen. Lukas kaufte bei verschiedenen
Gastroeinrichtungshändlern alte Geräte zusammen. Einen Fleischblitz, einen 150-Liter-Kochtopf
usw. In Jurajs Haus in Höngg hatte es eine unbenutzte Waschküche. Rasch die Türe mit dem Brech-
eisen verbreitert, auf dem Elektrotableau ein paar Drähte untergeklemmt, damit wir 3 Phasen
zusammenkriegten und los ging's. Ja, da war noch die kleine Mostpresse von einer Verwandten.
Lukas und Juraj brachten es fertig, dass an diesem Samstag, dem Erscheinungsdatum des Artikels
im Magazin, der erste Tofu im "Sala of Tokio", bei "Globus", beim "Gleich", bei "Müller" am
Rennweg und weiteren Läden erhältlich war.
Uns war klar, dass wir in diesen improvisierten Räumlichkeiten nicht länger produzieren konnten.
Gernot hatte von einer Alternativbeiz im Säuliamt gehört. Wir meldeten uns und gingen hin. Der
Empfang war meiner Meinung nach eher kühl, hatten diese Leute die Beiz erst gerade gestartet,
und waren mit ihren eigenen Schwierigkeiten beschäftigt.
 
Wir zogen uns ins Wäldchen gegen Zwillikon zurück und auf diesem Spaziergang beschlossen wir,
falls uns die Engelleute duldeten, dort in die alte Metzgerei einzuziehen. Bald konnte der Umbau der
Metzgerei in Angriff genommen werden. Die Rauchkammer heraus, die Wasserleitung ans richtige
Ort verlegen, den Strom neu verteilen, die alten Keramikplättchen runterspitzen, neue Platten hoch-
ziehen, einen Sockel für den Kochtopf bauen, Kühlräume umfunktionieren und und und...
Zwei Monate anstrengende Arbeit (ich reduzierte meinen Brotjob bis auf 50%). Ein Teil der Crew fuhr
zweimal die Woche nach Zürich, um Tofu herzustellen. Wir suchten noch mehr Leute, um uns etwas
mehr im Säuliamt zu verankern. Marianne, Lis, Martin, und Annemarie stiessen zu uns. Auch
mussten wir uns eine legale Form geben. Nach dem Vorbild der Engel-Beiz wählten wir die
Genossenschaftsform. Die Statuten gaben viel und heftig zu Diskutieren. An manchen Abenden bin
ich erst zwischen 1 und 2 Uhr Richtung Cham geradelt. (das einzige Mal in meinem Leben an dem
ich Wildsauen begegnet bin).
Ja, irgendwann haben wir dann die Produktion gezügelt. Es dauerte noch ein halbes Jahr, bis die
Statuten erstellt waren und noch weitere zwei Monate bis alle Papiere mit Namen und dem
Präsidenten (wir wollten am Anfang keinen benennen) in Ordnung waren. Mit viel Begeisterung wurde
weitergearbeitet.
 
Verena veröffentlichte mit Martin zusammen ein Tofu-Kochbuch. Da war noch Gauthier, ein be-
geisterter Ökonomie-Student, der uns Wirtschaftlichkeit beibringen wollte, er verliess uns als Erster
wieder, ziemlich frustriert. Neue Leute kamen hinzu. Ruedi, der für uns die Auslieferung nach Zürich
machte und das Okara seinen Sauen verfütterte. Nach und nach verabschiedeten sich die
Gründungsmitglieder, im Stillen oder mit fulminanten Anklageschriften (welchen Idealen wir nicht oder
zu fest nachleben würden).
Nach einem oder zwei Jahren kamen die ersten Leute aus dem Ulmenhof zu uns: Liliane und
Bruno the Drummer. Peter wurde Geschäftsführer. Ruedi zog es zu den Baghwans. Annemarie zog
nach Zürich, Gernot zu den Velos, Lukas nach München und Juraj zu Christa. Willi holte Lis ab. Paul
half uns die ersten Male in der Tofurei aus. Es gäbe noch viel Lustiges aber auch Trauriges zu
erzählen über die Leute der Tofurei: z.B. der Käser aus dem Aargau, der mit der Kasse abmarschiert
ist, kommt mir wieder in den Sinn...
 
Auch heute noch wird mit viel Idealismus in der Tofurei gearbeitet. Jedes Mal, wenn ich in die
Produktion nach Zwillikon komme, erinnern mich die engen Platzverhältnisse an unsere Anfangszeit.
 

Hansruedi Oppliger